STUNT100 – 2012

Samstag, 21. Juli 2012 ; 07:59 Uhr. Ich stehe mit 22 anderen Verdächtigen bei sonnigen Wetter in Sibbesse an der Startlinie des Stunt100. Ich bin auf der 100 Meilen Distanz ein Ersttäter, sowie einige andere auch. Manche sind jedes Jahr hier, manche haben schon wesentlich mehr Erfahrung mit der Distanz als ich. Was trieb mich hierher ? Oder besser: Warum tut man so was  ? 160 km am Stück laufen, ohne Schlaf !

Schon bei meinen ersten Googleeien vor ca. 7 Jahren zum Thema laufen stieß ich auf die Seite des Stunt100. Ich fragte mich damals wo die wohl schlafen, im Wald, Nachts ? Hmm, alles Spinner, wie kann man nur ?

2012-07-21 07.47.55Dann lernte ich irgendwann den Kopf des Stunt, Hans Jürgen Köhler kennen. Wir freundeten uns an, liefen öfters zusammen, mittlerweile konnte ich 30 km am Stück laufen. Dann der erste Marathon, der zweite, der dritte … und plötzlich stand ich beim Hill50 und lief 50 km durch unsere wunderschöne Landschaft, wow. Zwei Jahre später finishte ich dann erfolgreich meinen ersten 80 km Lauf, den Kill50
„Na nun kannst Du auch den Stunt laufen“ sagten alle meine Lauffreunde !!! Nach einigen Hin und Her entschied ich mich die Sache nun anzugehen.
Und nun steh ich hier, mit großen Respekt vor der Distanz, aber mit den vollen Willen „das Ding“ zu rocken. An meiner Seite viele mittlerweile bekannte aber auch “noch” unbekannte Gesichter. Einige, wenn nicht sogar die meisten tummeln sich auch bei Facebook- man kennt sich Zwinkerndes Smiley

Auf den Weg nach Sibbesse läuft im Radio “Tage wie diese” von den Toten Hosen. Eigentlich mag ich den Titel schon nicht mehr da ich Ihn in letzter Zeit zu oft hören “musste”, aber der Text passt wie angegossen, wie für mich gemacht, auch wenn es im Lied natürlich um was anderes geht. Hier ein paar Auszüge:

Ich wart seit Wochen, auf diesen Tag
und tanz vor Freude, über den Asphalt

….

Wo alles laut ist, wo alle drauf sind, um durchzudreh’n
Wo die Anderen warten, um mit uns zu starten, und abzugeh’n
An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit
An Tagen wie diesen, haben wir noch ewig Zeit
Wünsch ich mir Unendlichkeit
Das hier ist ewig,ewig für heute
Wir steh’n nicht still, für eine ganze Nacht

In dieser Nacht der Nächte, die uns so viel verspricht
Erleben wir das Beste, kein Ende ist in Sicht
Kein Ende in Sicht
Kein Ende in Sicht
Kein Ende in Sicht

So ein Text geht einen natürlich dann auch immer mal durch den Kopf in den 24 Stunden Smiley

Endlich war es dann soweit, die Uhr schlug 8 und Hansi IMG_2949gab den Start frei. Gemeinsam machten wir uns auf in die erste Runde die uns über die “Sieben Berge” nach Godenau, dann über die “Duinger Berge” und zurück über den “Külf” führte, rund 50 km. Gleich zu Beginn setzte sich Michael Frenz ab und stürmte nach vorne.  Rasch setzte er sich von der sonst geschlossenen Gruppe ab und übernahm die Führung. Wie es aussah wollte er von Anfang an sich den Siegertitel holen. Von solchen Ambitionen bin ich natürlich weit entfernt. Mein Ziel die 24 Stunden zu unterschreiten sollte, wie sich später heraus stellte, Herausforderung genug sein. Respekt vor allen die so was in solchen Geschwindigkeiten laufen.

IMG_5978Wir liefen nun wohl gelaunt unsere Strecke und unterwegs ergaben sich immer mal wieder andere Konstellationen und so wurde es nie Langweilig. Ständig gab es Gesprächsstoff und rasch waren wir am Duinger Berg wo der STUNT eigentlich erst richtig beginnt. Durch dichtes Dickicht und über Stock und Stein ging es nun weiter. Auch der Külf, den wir zurück liefen, war nicht ohne Bewuchs. Lange Kleidung war eine gute Idee. Nach gut 6 Stunden war ich dann wieder in Sibbesse und hatte somit meine ersten 50 km erlaufen. Dort wurde ich herzlichst von meiner lieben Frau begrüßt, die mir auch meine Raidlight Jacke brachte auf die ich schon wartete.blog4Foto 4

Die zweite Runde führt über den Rennstieg grob in 2012-07-21 16.53.28Richtung Winzenburg, genauer nach Everode und von da aus über Röllinghausen durch das Leinetal bis nach Rheden und von dort nach Sibbesse, das sind wieder rund 48 km. Bis Kilometer 75 lief ich diesen Teil mit Christian Farthing, super nette Gespräche, kurzweile, und viel gelacht haben wir auch- was will man mehr. Ab dem Verpflegungspunkt Röllinghausen mußte ich dann allerdings alleine weiter, da Christian ein wenig Geschwindigkeit raus nehmen wollte. Ich steckte mir also die Musik ins Ohr und lief IMG_2954durchs schöne Leinetal bis Rheden. Unterbrochen wurden man natürlich immer an den Verpflegungsstellen, die sich wie Perlen an der Kette entlang der Strecke aufreiten. Mit viel Liebe und sehr herzlich wurde man an jeder Station begrüßt und versorgt und so hatte man nie Versorgungsengpässe. Ich hatte mir im Vorfeld jede Menge Riegel und dergleichen besorgt- davon hab ich fast nix gebraucht ! 2012-07-21 18.51.06Nächstes mal bin ich schlauer Smiley An der AID Station in Godenau traf ich meinen Freund und frisch Papa gewordenen Laufkollegen Jochen Kruse. Mit Jochen lief ich meinen ersten 50 km Lauf und so was verbindet. Über sein kommen hab ich mich ganz besonders gefreut.

 

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In Rheden, so bei Kilometer 90 in etwa hatte ich plötzlich das Gefühl als wenn meine linke IMG_2960Fußsohle Nass wurde. Ich hegte den Verdacht das sich da eine Blase gebildet hat die nun aufgegangen war, wollte aber nicht weiter drüber nachdenken und lief einfach weiter. Nach insges. 13 Stunden und 6 Minuten Laufzeit brachte ich dann nun auch meine 2. Runde zu Ende und hatte nun zum ersten mal eine Strecke jenseits von 80 km in den Beinen, und bis dahin ging es mir auch recht gut.

Im Versorgungszelt in Sibbesse änderte sich das dann plötzlich. Mir wurde übel, nicht doll, aber ein wenig, an Essen war nicht zu denken. Ich konnte nix zu mir nehmen ohne das mir noch schlechter wurde. Auch trinken war nicht wirklich von Erfolg gekrönt. Ich fiel in ein kleines Mentales Tief und spielte für einige Momente mit den Gedanken abzubrechen. Das Team im Zelt kümmert sich rührend um mich, auch wenn ich das in dem Moment nicht so realisierte. Aber schließlich brachten Sie mich dazu es wieder zu versuchen. Im hinteren Bereich des Zeltes machte sich derweil auch Jens Wackerhagen bereit, er wollte unseren gemeinsamen Freund Thomas Ehmke auf der dritten Runde (Nachtrunde) begleiten. Ich zog mich also um, machte mich für die Nacht fertig. Keine Ahnung warum, aber ich zog mir nur ein Langarmshirt über und startete. Ungläubige Blicke verfolgten mich wohl. Nach ca. 100 meter klapperten mir die Zähne und ich merkte wie bescheuert ich mich angezogen habe, völlig unpassend. Also zurück, zweiter Versuch, und diesmal richtig. Ich zog mir meine Wintertrail Hose an und das passende Shirt dazu und wechselte die Schuhe. Statt Speedcross zierten jetzt die Hoka OneOne meine Füße. Ich wagte es allerdings nicht mir meine Füße anzuschauen, da ich befürchtete das dann alles aus ist.

In der Feldmarkt traf ich Thomas, der gerade von der zweiten Runde nach Sibbesse einlief und ich erzählte Ihm kurz von meinen Problemen. Er gab mir einen Ingwer Bonbon (der half) und auch zwei Spezial Salztabletten, die ich mir dann auch reinpfiff Smiley

Die dritte Runde führt über Barfelde in den Hildesheimer Wald nach Diekholzen, zum Tosmarberg hoch, runter zum Söder Heidekrug zurück nach Diekholzen und wieder zurück über Barfelde nach Sibbesse, auch wieder ca. 45 km. Bis Barfelde schleppte ich mich mehr schlecht als recht. an laufen war nicht viel zu denken. Ich hatte das Gefühl eine riesen Blase am linken Fuß zu haben. Beim laufen tat es nicht weh, nur beim gehen, da ich aber gerade nicht laufen konnte, wollte, was auch immer, hatte ich ein kleines Problem, das ich aber gekonnt ignorierte. Später stellte sich übrigens heraus das ich KEINE Blase hatte. Das war einfach nur eine gestreßte Fußsohle die sich gemeldet hatte, nix schlimmes.

An der AID Station in Barfelde wurde ich gleich mit “Ach der Internet Mensch” begrüßt und die frage nach meinen Wünschen folgte. Ich konnte immer noch nichts essen, war mir aber bewusst das ich das ändern muß. Die Dame des Hauses hatte sich gerade einen Früchtetee gemacht den Sie nun an mich abtrat. 100000 Dank dafür, ich glaube das hat mich gerettet. Ich wollte gerade aufbrechen da stieß Thomas mit Jens, seiner Nachtbegleitung zu uns. Ich hing mich an die beiden dran und so zogen wir dann zu dritt weiter.

Auch Thomas hatte ein wenig Problem mit seinen Körper und auch mit Müdigkeit hatte er zu kämpfen. Müde war ich seltsamerweise gar nicht, obwohl ich ja schon einiges geleistet hatte. Das war eigentlich einer meiner größten Sorgen, das ich zu müde werden konnte um weiter zu laufen, aber…. No Problem.

In Diekholzen am Sportplatz war wieder ein Verpflegungspunkt. Mittlerweile ging es mir wieder besser und ich war überrascht zu hören das man hier sogar einen Hamburger bekommen kann Smiley Man war der lecker, der beste den ich je gegessen habe Smiley Ich spürte wie mir immer besser wurde und schob noch Kuchen und jede Menge trinken hinterher. Thomas verkündete nun das er sich gerne 15 Minuten schlafen legen wollte. Er überließ mir somit “seine” Nachtbegleitung, den Jens (wofür ich Dir sehr dankbar bin) und so liefen Jens und ich alleine weiter, auf zur Tosmar Runde.  Plötzlich war es als wenn ein Bolzen gebrochen war, ich konnte laufen als wenn nichts wär. Fast in normalen Trainingstempo liefen wir bis zur Steigung zum Tosmar in eins durch. Die Steigung gingen wir dann, die schaffe ich selbst unter normalen Umständen selten ganz zu laufen, und mit 120 km in den Knochen erst recht nicht. Beim Aufstieg hatte wir eine seltsame Vision auf die ich jetzt nicht näher eingehen möchte, aber Jens und Ich lachen uns bei den Gedanken jetzt noch schlapp daran Smiley Nur soviel, die Vision erwies  sich als Hans Jürgen, der 72 jährige MTB Fahrer (er fuhr die gesam. Strecke mit seinen MTB, mit 72 ! Respekt). Vom Tosmar runter bis zum Söhrer Forsthaus hatten wir einen super Flow. Ich wage fast zu sagen das wir den Berg herunter stürmten, und das meine ich Ernst. Bis zur Verpflegungsstation am Sportplatz hielt das auch an. Eine unglaubliche Runde. Viele Kilometer in den Knochen und dann so ein Lauf, ich war begeistert. Nun mußten wir auf dem selben Weg zurück über Barfelde nach Sibbesse. Ab Barfelde merkt ich dann aber doch wieder die schwindenden Kräfte. Immer öfter wurde Gehpausen eingeschoben. Langsam fing der Morgen an zu dämmern und um kurz nach 5 Uhr, nach über 21 Stunden und mit nun mehr 143 Kilometer erreichten wir wieder Sibbesse. Nun trennte mich nur noch eine kleine Bambini Runde von 18 km von meinen ersten 100 Meiler.

Für Jens war an dieser Stelle der Lauf zu Ende. Die dritte Runde war für Ihn die zeitlich Längste überhaupt, mit knapp 7 Stunden. Ich freute mir ein zweites Loch in den Bauch als er sagte das er überlege mich noch auf die letzte Runde zu begleiten. Für Ihn wäre das dann sein längster Lauf bisher überhaupt !

Foto 3Ich freute mich wirklich sehr. Hieß es doch sonst für mich alleine weiter zu machen. Zu zweit ist das doch ein wenig schöner. Die letzte Runde führt einmal bis zur Verpflegungsstation nach Diekholzen und zurück. Hört sich einfach an, war aber die schwierigste Runde für mich. Aber nach 24 Stunden und 25 Minuten liefen ich zusammen mit Jens nach 162,50 km im Ziel ein und war, und bin, der glückliste Mensch auf Erden.

Dieses Wochenende, war mit Abstand das beste was ich je erlebt habe (natürlich in Bezug zum Laufen). In 24 Stunden gab es viele höhen und tiefen, viele nachdenkliche Momente, Momente in denen man Zeit hatte über sich und andere nachzudenken, Witze über die man lachte, tolle Gespräche, interessante Leute, andere Schicksale. Soviel Input hab ich gehabt, soviel tolle Begebenheiten das ich fast Sprachlos bin, mir die Worte dafür fehlen.

Und als ob das alles noch nicht genug war, waren dann auch noch bei der Urkundenvergabe gute Freunde und Verwandte dabei. Euch: Vielen DANK.

Der größtes Dank geht aber natürlich an die Helfer die sich wie ganz selbstverständlich den Tag und die Nacht um die Ohren geschlagen haben um uns Chaoten auf der Strecken am Leben zu erhalten.

DANKE … bis 2013 Smiley

STUNT100 - 2012-klein - Urkunde

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